Ein Jahr in Sizilien – Zwischen Krise und „dolce vita“

Granita, Giuseppe, Fischmarkt, Etnaausbruch, Orangen, Spanier, Dialekt, Platz-an-der-Sonne, Arancini, Herzlichkeit, 40-Cent-Caffè, Salvatore, Englisch-keine-Hilfe, harter-Winter, Strandpartys, Universitätsstadt, Hitze, Gestank, Schmutz, per-Anhalter-durch-Sizilien, Canolli, Tranquillo!, hupender Ameisenhaufen, Pasta, Pasta, Pasta, Multikultiland, Geschichtsliebhaber…

Mein Kopf summt. Das Thermometer zeigt 34 Grad im Schatten. Es hat seit einem Monat nicht geregnet. Ein Tag im Juni wie jeder andere. Ich sitze in einem Caffè am Hafen (zugegebenermaßen versperrt mir ein ganzer Lastwagenzug den Blick auf das herrliche Panorama. Eine Autofähre hinter der anderen, dazwischen kleine Fischerboote gedrängt), lasse das letzte Jahr Revue passieren. Es riecht nach Öl. Trotzdem verströmt dieser Ort etwas untouristisches, unverstelltes und bringt mich dazu, ihn auf irgendeine Art und Weise zu mögen.

Es fällt unheimlich schwer, einen solchen Zeitraum voller Emotionen und Erfahrungen auf ein paar DinA-4 Seiten zu zwängen. Jeden Tag prasseln neue Eindrücke auf mich ein, positive wie negative. Nur so viel vorneweg: Ich habe diese Stadt mit all ihren Macken lieben gelernt.

Das Hupen auf den Straßen, der Schmutz, das nervtötende Geschrei wild gestikulierender Sizilianer, die einstündige Busverspätung an den Strand.

Das mag auf den ersten Blick nicht gerade schmeichelhaft klingen, doch all das gehört zu Catania und die Menschen haben sich zu arrangieren gelernt.

Oder um den Spieß umzudrehen: Wären die Catanesen so offen, so hilfsbereit, wenn jene Widrigkeiten sie nicht dazu zwingen würden, bei Problemen zusammenzuhelfen, gemeinsam zu improvisieren?

Hat man mal auf dem Markt das Geld vergessen, schenkt der von der Sonne ledrig-braungebrannte Händler halt die zwei Zwiebeln und drei Tomaten ohne Gegenleistung. Oder hat sich der gemeine deutsche Tourist mal wieder verlaufen, gabelt ihn der nächste ‘Ape’-Fahrer (jene dreirädrigen allbekannten vorzüglich in Italien beheimateten Autos) auf und bringt ihn auf seiner Ladefläche zum Ziel.

Trotz aller Romantisierung sollen aber auch die Schattenseiten nicht unbelichtet bleiben: In Italien herrscht die Krise. Besser gesagt in Sizilien. So kommt es auch hier hin und wieder zu Diebstahl und Überfällen, bei denen Geldbeutel und Handy abhanden kommen. Dem kann auf einfache Weise vorgebeugt werden: wenig Bares mitnehmen, Karten zu Hause lassen und nach Möglichkeit auch auf das neue Iphone 7 verzichten.

Der Kellner reißt mich aus meinen Gedanken, er bringt mir den nächsten Caffè, macchiato. Für Otto Normaldeutsch bedeutet das einen Espresso. „Il conto per favore“, sage ich ihm.

Generell ist es schwierig in Süditalien, mit Englisch zurechtzukommen. Selbst Studenten können damit oft nur gebrochen umgehen. Was aber auf der Umkehrseite bedeutet: der perfekte Ort für den italienisch-lernwilligen Erasmusstudenten.

Und auch die Befürchtung, nur auf Dialekt nuschelnde Sizilianer  anzutreffen, kann ich bereits im Keim zerstreuen. Die sizilianische Jugend spricht astreines Italienisch. Wenn man also nicht gedenkt, in den allsonntaglichen Scopaclub (italienisches Kartenspiel) mit einem Altersdurchschnitt von 73 Jahren einzutreten, sollte man keine nennenswerten Probleme haben.

Allerdings hilft es ungemein, zumindest schon mit einer kleinen Sprachbasis im Gepäck anzureisen – ich habe im Vorraus zwei Sprachkurse und einen Intensivsprachkurs (EILC) in Siena besucht. Damit ist es nur eine Frage der Zeit, bis man alles versteht und in jedem Gespräch mithalten kann.

„Sono cinquanta centesimi.“ Der Kellner ist mit der Rechnung zurück. 50 Cent für einen Caffè in der Bar – nichts besonderes. Mit dem deutschen Durchschnittsbudget muss man hier keine Kredite aufnehmen. Wobei viel Kleinvieh bekanntlich auch den berühmten Mist machen kann.

Dementsprechend befinden sich auch die Mietpreise auf einem bezahlbaren Level. Für ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft (hier als „camera singola“ bekannt) werden zwischen 150 und 250 Euro fällig.

Um die aus München gewohnten Mietkosten (circa 400-500 Euro) wieder auszugleichen, musste ich somit monatlich zusätzlich jeweils 100 Caffè und Granita (eine sizilianische Eisspezialität) verspeisen – Rücklagen für Abmagerungskur nach Ende des Aufenthalts inclusive.

Die Rechnung geht von einem Warmpreis von 220 Euro pro Monat aus, die ich am Anfang jedes Monats (manchmal auch erst zur Mitte) bei meinem Vermieter ablieferte. Wie in Catania üblich wurde der Vertrag mündlich abgeschlossen (selbstverständlich um den Behörden Papierkram zu ersparen).

Ich erhebe mich aus dem Stuhl, trete den Rückweg an. Nicht mehr als fünfzehn Minuten. Im Zentrum Catanias, wo sich das Leben abspielt, sind die eigenen Füße das wichtigste Fortbewegungsmittel, Busse sind maximal zum Strand von Nutzen (architektonische Zukunftsvisionäre trafen vor Jahrzehnten die Entscheidung, die Küste mit Hilfe einer unpassierbaren Eisenbahnlinie vom Zentrum zu trennen. Wer sich also am Strand erholen will, darf also eine der pünktlichen und regelmäßigen Buslinien benutzen oder ein Fahhrad erstehen, um an den Stadtrand mit Meerzugang zu gelangen).

Kurz vor meiner Haustür passiere ich noch den täglichen Markt, wo jeden Tag frischste Waren aller Art angeboten werden. Die Preise dort hängen meist vom Bein ab, mit dem der Verkäufer am Morgen aufgestanden ist. So kann es vorkommen, dass man an sonnigen Tagen hundert frisch gefangene Sardinen für etwa zwei Euro erstehen kann – der nächste Tennissocken tragende „Touri“, der in ausgelatschten Sandalen angeschlurft kommt, aber eine 200-prozentige Touristensteuer oben drauf blechen darf.

Eine ausgiebige Fischmahlzeit später (auch die Mensa ist aber für Studenten unbedingt zu empfehlen; für 1,80 Euro ist dort eine volle Mahlzeit mit erstem und zweiten  Gang zu haben – die von einem Pizzabäcker zubereiteten Pizzen können es mit jedem Restaurant aufnehmen!) sitze ich noch auf einige Gläschen erstaunlich guten Weißwein mit meinen Mitbewohnern auf unserem 20m² Balkon zusammen (der in alte Plastikwasserflaschen abgefüllte Wein stammt aus der kleinen Vinothek um die Ecke).

Wir haben uns noch entschlossen später noch auf den „Piazza Teatro“ zu schauen – der Treffpunkt schlechthin unter den Studenten Catanias. Im Sommer ist jeder Quadratmeter ausgefüllt. Bier (zugegeben, es ist nicht das gute Augustinerbier von zu Hause) lässt sich in den angrenzenden Bars für einen Euro erwerben. Allerdings ist darauf zu achten, immer Kleingeld dabei zu haben. Ein erfolgversprechendes Marketingmodell, dessen Sinn mir leider noch nicht erkenntlich geworden ist, schreibt den catanesischen Barbesitzern vor, so gut wie kein Wechselgeld zu besitzen. So kommt es durchaus vor, dass auf einen Zwanzig-Euroschein nicht herausgegeben werden kann.

Ein Jahr im Süden Italiens stellt vor so manche Herausforderung. Es wäre sicherlich der einfachere Weg gewesen, ein Auslandsjahr in Norditalien zu verbringen, in Mailand, Turin oder Florenz. Meinen Erfahrungen nach kommen dort Mentalität und Lebensweise der Menschen denen aus München, meiner Heimatstadt, sehr nahe.

Wer jedoch das unverfälschte Italien spüren und schmecken will, einige Abenteuer durchleben möchte und sich für einige Zeit voll auf eine neue Kultur einlassen kann, der wird nur sehr ungern von dieser Insel mit seinen Menschen wieder Abschied nehmen. Ich für meinen Teil habe dort viele wunderbare Personen getroffen, die mir sehr ans Herz gewachsen sind.

Ciao mbaruzzi!

Simon Zonk

Annunci

Un pensiero su “Ein Jahr in Sizilien – Zwischen Krise und „dolce vita“

Rispondi

Inserisci i tuoi dati qui sotto o clicca su un'icona per effettuare l'accesso:

Logo WordPress.com

Stai commentando usando il tuo account WordPress.com. Chiudi sessione /  Modifica )

Google photo

Stai commentando usando il tuo account Google. Chiudi sessione /  Modifica )

Foto Twitter

Stai commentando usando il tuo account Twitter. Chiudi sessione /  Modifica )

Foto di Facebook

Stai commentando usando il tuo account Facebook. Chiudi sessione /  Modifica )

Connessione a %s...